Verein für Dorfgeschichte

Bliesmengen-Bolchen

Hier auf dieser Seite veröffentlichen wir Geschehnisse vergangener Tage aus unserem "Derfsche" Bliesmengen-Bolchen, die "widderschd vàrzähld wärre sòllde"!

  

Aus der „Stürmerzeit“ eines „Lauer’s“ und vom fußballbegeisterten Ortspfarrer  Clemens Huber

Peter Lauer, aufgewachsen im Osten der Republik, erkundet seit einigen Monaten "dieh  junge Jòhre vunn sinnem Babbe in Menge Bolsche" Jakob Lauer (*30.11.1914 in Bliesmengen, +14.11.2007 Quedlinburg). Einige Besuche im Bliesgau,   brachten dem Lauer Nachkommen  die "Zitt vùnn friejer" ein Stück näher.  

Jakob Lauer ein begeisterter Fußballspieler, durfte miterleben, wie eine Fußballmannschaft in seinem Heimatort  im Jahre 1927 gegründet und aufgebaut wurde.   Der Lehrersohn Clemens Huber (*18.11.1895 Niersimten, +17.07.1982 Dahn) kam aus Rechtenbach in der Pfalz und übernahm im Jahre 1932 die Pfarrstelle in Bliesmengen-Bolchen, in der er bis zum Jahre 1946 wirkte. Ein Pfarrer, der seiner Zeit voraus war und bei der Dorfbevölkerung große Anerkennung fand. Gebeichtet wurde öffentlich und nicht wie damals üblich im Beichstuhl. Huber war es wichtig die Jugend mitzunehmen  für eine Sache. Ein Geistlicher der sich für Sport und Handwerksarbeit interessierte war damals eher eine Seltenheit und machte ihn menschlich.  Pfarrer Huber wusste die Jugend zu begeistern und  engagierte sich unter anderem im neu gegründeten Fußballverein, eröffnete eine Pfarrbücherei und gründete die Kleinkinderschule. Auch Jakob Lauer erlebte einen Pfarrer, der der Jugend Anerkennung schenke und diese auch förderte.    Jakob war ein Stürmer mit Dribbelstärke und Torgefährlichkeit.  Bei den Sportsgegnern  war der Fußballer bekannt und wurde ernst genommen. Auch Pfarrer Huber erkannte dies und wusste es den jungen Fußballer bei seinem Sport zu motivieren.

Pfarrer  Huber erhielt am 25. Juni 1922 seine Priesterweihe im Dom zu Speyer. Nach verschiedenen Kaplanstellen in Grünstadt (1922), Edesheim (1924), Deidesheim (1925) und Homburg Sankt Michael (1925 bis 1928) übernahm er die erste Pfarrstelle in Rechtenbach in der Pfalz. Hier unterstütze er mit großem Einsatz den Bau des Sportplatzes. Pfarrer Huber packte tatkräftig mit an und scheute auch  nicht die schwere Knochenarbeit beim Sportplatzbau. Diese Erfahrung brachte der Pfarrer mit in seine neue Pfarrei nach Bliesmengen-Bolchen. 

Der Geistliche nutzte die Kontakte zu seiner  letzten Pfarrstelle und reiste einmal im Jahr mit der Fußballmannschaft von Bliesmengen-Bolchen nach Rechtenbach in die Pfalz. In der damalige Zeit  ein Großereignis für die fußballbegeisterte Jugend. Rechtenbach, seit 1969 Schweigen-Rechtenbach, ist eine Ortsgemeinde im Landkreis südliche Weinstraße in Rheinland-Pfalz. Die Jugend beider Gemeinden hatten einige Gemeinsamkeiten. Beide Orte lagen direkt an der französischen Grenze, beide feierten Kirmes (Kirb in Bliesmengen-Bolchen), beide waren fußballbegeistert und hatten Ende der 20er Jahre ihren Verein gegründet und beide feierten gerne.

 


 

Die Reise der Jugendgruppe im Jahre 1934 zur Kirmes in die Pfalz wurde initiiert und organisiert von Pfarrer Huber.

 

Bis zum schicksalhaften Jahr 1939 war es üblich, dass die Fußballer beider Gemeinden sich zu verschiedenen Anlässen gegenseitig besuchte. Die Kirmes von Rechtenbach war ein solches Ereignis.

Am 30. August 1939 wurde der Befehl an die Ortsgruppenleiter "Zur Freimachung der Roten Zone" gegeben. Die Dorfbevölkerung floh nach Mittel- und Süddeutschland. Pfarrer Huber besuchte seine Pfarrangehörige in der Evakuierung. Trost und Seelsorge waren nach dem fluchtartigen Verlassen der Heimat wichtig. Der Pfarrer half in den Evakuierungsorten aus, denn auch dort starben Menschen und  Kinder wurden geboren. Mit den Pfarrangehörigen kehrte Huber im Jahre 1940 aus der Fremde zurück und half auch hier wieder den zurückgewonnen Alltag zu bewältigen. 

In den letzten Kriegsmonaten 1944/45 wohnte der Seelsorger im Schwesternhaus, wie viele andere aus dem Ort. Die Bewohner rückten zusammen, bis die Kriegshandlungen zu heftig waren und eine weitere Flucht unabwendbar wurde. Die 2. Evakuierung im Dezember 1944 verschlug  den Pfarrer  zuerst ins Homburger Krankenhaus und am 5. Januar 1945 nach Kirrberg. Dort arbeitete er als Pfarrvertreter bei dem aus Bliesmengen-Bolchen stammenden Pfarrer Schimpf, der sich einen Riss im Oberschenkelhals zuzog.

Bereits am 25. März 1945 nahm Pfarrer Huber den Dienst in seiner alten Pfarrei wieder auf. Aus Dankbarkeit den schrecklichen Krieg überlebt zu haben, pilgerte die Pfarrgemeinde in einer Prozession nach Gräfinthal zur Kapelle. Die Dorfkirche war so zerstört, dass ein Gottesdienst nicht möglich war.

Beim Wiederaufbau packte der Seelsorger selbst mit an. Die Kutte des Pfarrers wurde mit einer "Schaffbux" getauscht, die Dorfbevölkerung motiviert und gemeinsam die zerstörte Pfarrkirche repariert. Die ehemalige Dorfschullehrerin Ottilie Schimpf erinnerte sich, dass Pfarrer Huber an der höchsten Stelle des Kirchendaches saß und mit vorhandenem Material das Kirchendach ausbesserte.

Zu diesem Zeitpunkt war Jakob Lauer, der talentierte Fußballer,  nicht mehr in Bliesmengen-Bolchen. Wie alle männlichen Personen seines Jahrganges wurde Jakob Soldat und musste in den Krieg ziehen. Den Krieg überlebte er körperlich unversehrt. Während des Krieges lernte der gebürtige Saarpfälzer seine spätere Ehefrau Lina      aus dem östlichen Harz kennen. Die beiden heirateten              und nun hieß es für das junge Paar sich festzulegen, wo die junge Familie ihre Bleibe einrichten wird. Eine Entscheidung musste getroffen werden! Zum damaligen Zeitpunkt war eine Entfernung von 600 Kilometer nicht so ohne weiteres zu bewältigen. Jakob und Lina zogen es vor im Osten Deutschlands, bei der Familie von Lina,  ihr Domizil einzurichten. Besuche in die alte Heimat nach Bliesmengen-Bolchen wurden immer wieder mit der gesamten Familie unternommen. Der letzte Besuch war im Frühjahr 1961, zur Kommunionfeier des Neffen Edgar Lauer. Danach bestimmten eine Mauer,  kilometerlange Zäune und viele Gesetze die Trennung des Landes und der Familien. Das ist inzwischen Geschichte. Jakob Lauer würde sich sicherlich wundern, wenn er das große Interesse seines Buben und der Dorfgeschichtler "ann sinner Zitt vùnn friejer"  sehen könnte. Eine Zeit die gewesen ist, und aus der wir heute unseren Nachkommen einiges „varzähle“ können.